storybook

Geschichten und Betrachtungen

Haberer

Um 18:06 Uhr kommt der Zug am Ostbahnhof an. Dann noch drei Stationen mit der U-Bahn. Die muss er erst finden, da vergehen noch ein paar Minuten. „Ob ich ihn abholen könnte“; so weit kommt’s noch. Die ganze Sache war ein Fehler, ich will das nicht. Um halb sieben wird der hier auf der Matte stehen, spätestens. Dann wird er mit seinen Hundeaugen in die Kamera glotzen und sich die Nase an der Türscheibe plattdrücken. Die ist doch eh schon platt, die Nase. Sein Vater hat sie ihm eingeschlagen, vor einem Jahr zu Weihnachten. Mit einem Eisenrohr. Merry Christmas! Was anderes kann der Vater nicht als Zuschlagen. Mit der Faust, mit dem Holzscheit, mit dem Strick und eben mit dem Eisenrohr. Wenn er nicht vor lauter Rausch am Boden kniet und grunzt wie ein Schwein. Ist auch schon vorgekommen. Den Rest des Beitrags lesen »

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Die Fee

Zuerst dachte ich, jetzt ist es so weit, jetzt wirst du verrückt. Durchgebrannt, irgendwas im Hirn, Wahrscheinlich zu viel Gedanken durch die Hirnwindungen getrieben, jetzt schnappst Du über. Du fängst zum Halluzinieren an am helllichten Tag.
Ich sitze an meinem Tischchen im Starbucks an der großen Glasscheibe zum Schlossplatz, schreib‘ so vor mich hin, als ich merke, dass mir jemand über die Schulter schaut. Das kann ich ja gar nicht leiden, wenn mir irgendwer in den Text glotzt. Schau ich also hoch, so seitlich nach hinten oben: steht da eine Frau. „Eine Frau“ ist allerdings überhaupt kein Ausdruck für das, was das steht. ist. Da steht eine Erscheinung, ein Engel, ein Wesen, dass mir schier der Mund nicht mehr zugeht. Bis zu der Sekunde dachte ich ja nicht, dass es das in Wirklichkeit tatsächlich gibt, eine Frau, die so absolut und voll in mein Beuteschema passt. Unglaublich. Wahnsinn.
Als sie merkt, wie ich sie anstarre, nickt sie zu mir runter, lächelt und strahlt mich an mit Augen, so blau wie ein Bergkristall. Ich hab‘ mich umgedreht, weil vielleicht meint sie ja jemand draußen hinter der Scheibe. Aber nix, die meinte mich, echt. Dann ging’s schon weiter: Ob sie sich setzen darf zu mir. Klar, sicher, jederzeit, Momentchen. Ich klapp‘ die Maschine zu, stopf‘ das Ding irgendwie in den Rucksack, schieb‘ den Stuhl zurück, überlege, ob ich sie einladen soll zur Vanilla Latte, schmeiß‘ dabei noch den dritten Stuhl um. Na irgendwann saß sie dann, strahlt mich weiter an. Den Rest des Beitrags lesen »

Flieger

Mick lag auf dem Rücken, kaute einen Grashalm und betrachtete die Wolken, die sich zu mächtigen Cumulustürmen aufbauten. Den Fallschirm hatte er als Kissen unter den Kopf geschoben. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Die Startbahn flirrte in der Hitze. „Allmählich könnten Sie wieder runterkommen.“, nuschelte er ohne den Halm aus dem Mund zu nehmen, „Ich muss heute früher weg.“ „Blond oder braun?“, fragte ich grinsend. „Rot. Eine feuerrote Mähne, wie ein Fuchs, und Augen, Augen, so was hast du noch nicht gesehen.“ „Die große Liebe, vermute ich, wieder mal…“ „Lach‘ doch! Diesmal ist es wirklich ernst. Ehrlich. Das spüre ich.“
Aus der Ferne hörte man ein Brummen, erst leise dann immer lauter. Schließlich wurde am Horizont ein Punkt sichtbar, der sich auf den Flugplatz zubewegte. „Das ist die Bonanza.“, sagte Mick ohne seine Lage zu verändern. „Probeflug. Die wollen sie vielleicht kaufen.“ „Ich weiß. Wir haben sie heute Morgen ausgeräumt. Da lag ja noch alles drin, Karten, Coladosen, geschmolzene Schokoriegel.“ Mick stützte sich auf die Arme. „Ich kann das nicht begreifen. Der war doch stark wie ein Baum, jeden Tag Sport und alles. Und dann, Landung und Exitus.“ Er schüttelte den Kopf. Den Rest des Beitrags lesen »

Episode

Das erste, was mir auffällt, sind die Muskeln an den Oberschenkeln. Stark und fest zeichnen sie sich ab durch die dünne, helle Leggin. Der kurze Rock lässt viel Bein sehen. Klein ist sie, lange, glatte, braune Haare. Ein asiatischer Typ, mit zartbrauner Haut und sehr dunklen Augen. Sie hat ein Snowboard dabei, ein grellbuntes. Vielleicht kommen die Muskeln daher. Einen kleinen Jungen hat sie auch mit, den sie „Schatz“ nennt. Hinter ihrem Sitz schleppen zwei Soldaten eine Tasche durch den Gang. Bevor sie an der schönen Snowboarderin vorbeikommen wendet sich der Vordere um. „Schau dir mal die Frau an mit dem Snowboard „, flüstert er, darauf bedacht, die Lippen nicht zu bewegen. Der Hintere hat allerdings gerade erfahren, dass seine Tasche bei der letzten Station versehentlich aus dem Zug geladen wurde. Der Zugchef hat in seiner Durchsage aufgefordert, „der Verlierer soll sich im Abteil 36 melden“. Jetzt schleppt der Verlierer seine Tasche wieder an ihren Platz. Für die junge Frau mit dem Snowboard hat er keinen Blick. Vielleicht hat er den Tipp seines Kameraden auch nicht gehört.

Das Klavier

„Erzählen Sie was von sich.“, sagte sie. „Irgendetwas, das eine Bedeutung für Sie hat. Ein Ereignis, eine Geschichte, irgendwas.“ Er zündete die Zigarette an der Kerze an, die auf dem Tisch stand, und ließ den Rauch durch die Zähne strömen. An der Bar röhrte die Milchschaumdüse. Der Deckenventilator verwirbelte die rauchgeschwängerte Luft. Sie wartete.“Ich will Ihnen sagen, woran ich denke, wenn ich vor einem Klavier stehe.“ Er fuhr mit der Hand an der schartigen Tischkante entlang ohne sie anzusehen.

„Ich war vielleicht neun oder zehn. Auf dem Heimweg von der Schule fragte mich Johannes, ein Junge aus meiner Klasse, blass und schmächtig, mit strohblonden Haaren, ob ich noch mit zu ihm reingehen möchte, er wolle mir etwas zeigen. Johannes wohnte in einem riesigen, dunkelroten Haus, von dem in immer größeren Platten der Putz abbröckelte. Unten war eine schäbige Kneipe, das letzte Auffangbecken für die gebrochenen Gestalten unserer Stadt, Fantasten und Säufer, Frauen mit kirrem Blick und Männer in Gummistiefeln und Uniformjacken.“ Er sah durch das Fenster nach draußen. „Wir gingen einen steinernen Gang entlang, vorbei an der Wirtstube, es roch nach kaltem Rauch, Urin und Erbrochenem. Am Ende des Ganges war eine schwere, dunkle Holztür mit einem Sichtfenster aus Glas und schmutzigen Gardinen dahinter. ‚Da drin ist es. Meine Oma wohnt da.‘, sagte Johannes. ‚Was ist da drin?‘, wollte ich wissen. Den Rest des Beitrags lesen »